Montag, 8. Dezember 2025

Walter Dehmel: Sechs Gedichte (1931-1947)

Demonstration im Villenviertel
(Walter Dehmel, 1931)

Wir wissen, dass ihr drinnen hinter den Gardinen steht
und hämisch lächend auf uns niederseht,
wenn wir — ein ungefüger grauer Wurm —
vor euren Häusern übers Pflaster quellen.

Jawohl, wir wissen es! Wir treten kräftig auf,
dass an den Fenstern euch die Scheiben zittern.
«Sie demonstrieren wieder mal!», sagt ihr mit fetter Stimme,
und eure Blicke triefen von Verachtung,
wenn wir vorübergehn in groben Schuhen, groben Kleidern. —
Ihr lächelt: «Seht, der eine hinkt — der hat ein schiefes Kreuz —,
und jener weiss nicht, wo er seine großen Hände lassen soll!
Die Frauen gehn so männlich derb einher,
ihr Haar ist ungepflegt, zerzaust und strähnig.
Und dort, die vielen Jungen, halbe Kinder noch,
in viel zu großen Kleidern, seht, wie komisch!»
Ihr lächelt, dreht euch um und rümpft die Nase,
die den Geruch der Masse nicht vertragen kann,
und eure eigne parfümierte Winzigkeit erscheint euch edler —

Ihr armen Wichte, euer Lächeln richtet euch!
Wir sind so grob und ungeschlacht,
weil wir für euch an den Maschinen stehen,
für euch Schmarotzer glühe Feuer schüren,
für euch in dunkle Schächte todverachtend steigen!
Der hat ein schiefes Kreuz davon, dass er ein Leben lang
am gleichen Werktisch stets die gleiche Arbeit tut!
Der andere hinkt, weil ihm der Kran den Fuß gequetscht!
Und jene großen Hände, über die ihr spöttelt,
sind Merkmal eines arbeitsreichen Lebens!
Die Frauen, die so müde sind, die halben Kinder,
sie stehn für euch in ratterndem Maschinensaal!

Und tausend, abertausend, Millionen Leben
verkümmern zwischen Stein und Stahl für euch!
Und ihr? Ihr lächelt, wenn wir fordernd durch die Straßen gehn?
Ja, lächelt nur, ihr gift’gen Blüten einer morschen Welt!
Das Haus, in dem ihr sitzt, geschminkt und parfümiert,
es zittert schon und schwankt von unsern Schritten.
Wir schreiten, Reihe hinter Reihe brüderlich,
und unser Blick geht achtlos über euch hinweg ins Licht!
Vor unsern Augen öffnen sich die Tore einer neuen Welt.



Die Nörgler
(Walter Dehmel, 1931)

Wo immer Menschen für Großes streiten
mit heißem Herzen, da trifft man sie bald,
die Nörgler, die eifrig die Widrigkeiten
und Hemmnisse mehren mit aller Gewalt.

Sie stehen beiseite und murren verbissen
und haben schon alles vorher gewusst.
Sie richten die Blicke emsig beflissen
auf alles, was fehlging —, das ist ihre Lust.

Und ist irgendwo ein Erfolg beschieden,
sie nörgeln ihn wieder schnell hinweg.
Sie sind mit keiner Sache zufrieden,
und alles Errung’ne ist ihnen ein Dreck.

Und fallen im Kampf einmal derbe Worte,
sie rümpfen die Nase, sie haben Niveau.
Sie sind eine ganz feine Edelsorte,
sie sind immer sauber, sie sind nicht so —

Sie spötteln und witzeln, sie tun überlegen,
sie halten über alles Gericht.
Nur dazu sind sie nicht zu bewegen:
mit Hand anzulegen —, das wollen sie nicht!



Frühlingsstürme
(Walter Dehmel, 1946)

Die Frühlingsstürme wehen
Verheißend durch die Welt —
Das Neue will entstehen,
Das Alte, Morsche fällt.

Die grauen Nebelmassen,
Die so bedrückend sind,
Sie weichen und verblassen,
Verjagt vom Frühlingswind.

Verborgne Quellen fließen
Mit leisem Murmellaut —
Und erste Keime sprießen
Aus welkem Gras und Kraut.

Noch sind wir voller Bangen
Und voller Traurigkeit,
Noch immer hält gefangen
Uns die Vergangenheit.

Noch brennen alte Wunden,
Noch quält der Trennungsschmerz.
Nur langsam kann gesunden
Das kranke Menschenherz.

Die Frühlingsstürme brausen,
Beflügeln unsern Schritt —
Und wenn sie uns auch zausen,
Sie bringen Klarheit mit.



Zum Gedenken
(Walter Dehmel, 1946)

Zu ernster, stiller Sammlung aufgeboten,
in gleichem Fühlen, gleichem Geist vereint,
gilt das Gedenken euch, den teuren Toten,
der Opfer Schar, die uns unzählbar scheint.

Ihr habt euch stets mit gleichem Mut vereinigt,
so oft der Hass der Henker euch versprengt. —
Sie haben euch erbarmungslos gepeinigt,
in qualvolle Erniedrigung gezwängt.

Sie konnten nur, was sterblich ist, zerstören,
des Leibes Hülle, die so rasch zerfällt.
Dem Geiste wird Unsterblichkeit gehören,
der wie der eure seine Kraft behält.

Ihr habt dem Ungeist sterbend Trotz geboten.
Wir Lebenden, wir sind voll Dankbarkeit,
und wir versprechen euch, den unvergessnen Toten:
Wir schaffen eine neue, bessre Zeit!



Nürnberg ...
(Walter Dehmel, 1946)

Wir hatten uns das ganz anders gedacht...
Als Hitlers Gewaltreich, zusammengekracht,
Uns Hunger, Verzweiflung und Not hinterlassen,
Als Schutt und Trümmer bedeckten die Gassen
Und lodernde Feuer erhellten die Nacht:
Wir hofften, man werde die Schuldigen fassen,
Sie sollten es spüren, wie wir sie hassen —
Wir hatten uns das ganz anders gedacht!

Wir hatten uns das ganz anders gedacht...
Dann hat man die Täter nach Nürnberg gebracht,
Die eingeschrumpften Heroengestalten.
Wir schluckten die Flüche, die ihnen galten,
Sie haben noch im Gerichtssaal gelacht,
Indes wir vor Zorn die Fäuste ballten.
Die Schreie der Opfer, die längst verhallten,
Sind sie nicht gramvoll von neuem erwacht?
Wir hatten uns das ganz anders gedacht!

Wir hatten uns das ganz anders gedacht...
Nun hat uns das Urteil Klarheit gebracht.
Wenn auch die mahnenden Rufe verklangen,
Es wächst um so stärker das heiße Verlangen,
das die Empörung zur Flamme entfacht:

Das Volk, an dem sie so schwer sich vergangen,
Das eigene Volk, das sie niederzwangen,
Es werde zu ihrem Richter gemacht!
So hatten wir uns das immer gedacht!



Allen Freiheit, Menschenrecht!
(Walter Dehmel, 1947)

Aus der Wirrnis dieser Tage
Heben wir den Blick,
Dass das Herz mit Gleichmut trage
Widriges Geschick.
Nicht bei uns nur Klagen hallen,
Mangel sitzt zu Tisch bei allen.
Vielen Völkern spricht die Not
Dies Gebot:
Soll es anders sein auf Erden,
Muss der Krieg geächtet werden!
Niemand Herr! Und niemand Knecht!
Allen Freiheit, allen Recht!

Neue Kriege zu beginnen
Strebt die Machtgier an,
Land und Menschen zu gewinnen,
Die man schinden kann.
Blut und Tränen kann nicht rühren,
Jene, die die Waffen führen.
Doch den Völkern gibt die Not
Dies Gebot:
Soll es anders sein auf Erden,
Muss der Krieg geächtet werden!
Niemand Herr! Und niemand Knecht!
Allen Freiheit, allen Recht!

Brüder, unsre Toten mahnen
In den Gräbern stumm:
Kann Vernunft den Weg nicht bahnen?
Schaut ihr euch nicht um?
Hört ihr nicht die Klagen hallen?
Mangel sitzt zu Tisch bei allen.
Und den Völkern gibt die Not
Dies Gebot:
Soll es anders sein auf Erden,
Muss der Krieg geächtet werden!
Niemand Herr! Und niemand Knecht!
Allen Freiheit, Menschenrecht!

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